
Zum Besuch eines Museums gehört meist auch eine kurze Entspannung und Stärkung im Museumscafé oder –Restaurant. Wer jedoch das Café des Keramikmuseums Mettlach betritt, dem bietet sich vor allem ein weiterer Kunstgenuss: ein Meisterwerk historistischer Innenarchitektur.
Es ist vom Boden bis zur Decke im Stil des berühmten Dresdner Milchladens gestaltet, den Villeroy & Boch im Jahr 1892 für den erfolgreichen Landwirt und Unternehmer Paul Pfund entworfen und ausgeführt hatte. Dieses Glanzstück des historischen Ladenbaus, dessen Wände, Böden, Säulen und Ladentheke ausschließlich aus dekorierten Fliesen bestehen, entstand hier nach alten Vorlagen in einer vergrößerten Version. Das nostalgische Café, das auf 150 qm rund 70 Gästen Platz bietet, liegt im Bereich einer ehemaligen Fabrikhalle innerhalb der Alten Abtei, dem heutigen Firmensitz.
Vollendete Authentizität
Ausdruck und Schönheit des historischen Originals konnten voll zum Zuge kommen, da die Bildvorlagen zur Ausstattung des Dresdner Milchladens sämtlich erhalten sind. Es handelt sich um aufwändige Verkaufskataloge, die sich heute noch im Unternehmens-Archiv befinden. Das über die Landesgrenzen hinaus bekannte Archiv tradiert übrigens nicht nur die 260jährige Geschichte von Villeroy & Boch, sondern zählt auch bedeutende Dokumente über das Dreiländereck Deutschland Frankreich Luxemburg zu seinem Bestand.
Diese reich illustrierten Kataloge zeugen von der enormen Vielfalt und Spezialisierung der ikonologischen Programme der Fliesen von Villeroy & Boch. Ob der Auftraggeber ein Stadtbad, eine U-Bahn, eine Hotelhalle oder einen Metzgerladen plante, er konnte quasi aus einem Baukastensystem von Motiven und Formteilen seine Räume gestalten. Wesentlicher Bestandteil der einzelnen Fliesenkonzepte war schon im 19. Jahrhundert die von Künstlern ausgeführte Handbemalung, mit der sich Villeroy & Boch europaweit einen Namen gemacht hatte.
Es ist Villeroy & Boch gelungen, diesem Anspruch auch bei der Planung des neuen Museumscafés gerecht zu werden. Das Unternehmen beauftragte das Atelier Kutsche, das bereits 1995 den Dresdner Milchladen restauriert hatte, mit der künstlerischen Ausführung. In minutiöser, detailgetreuer Handmalerei schufen die Keramikkünstler in Zusammenarbeit mit den Kreativen des Unternehmens Villeroy & Boch Bilder und Ornamente. Umfassendes technisches Know-how vervollkommnete die Originalitätstreue: Man bediente sich alter Herstellungstechniken im Bereich der Gießverfahren (Gussformen wurden in Handarbeit rekonstruiert) und der Unter- und Aufglasurmalerei.
So entstand aus insgesamt 15.000 Keramikelementen ein einzigartiges rhythmisches Zusammenspiel von Formen und Farben, das sich bis in die kleinste Ecke dieses Raumes fortsetzt. Die Gliederung des Raumes weicht jedoch angesichts der neuen Zweckbestimmung deutlich vom Original ab. Justus Thiede und Wolfgang Held, bei Villeroy & Boch verantwortlich für das innenarchitektonische Konzept, schufen für den Gästebereich drei halboffene Räume, deren angenehme Raumwirkung von fast privatem Charakter ist.
Von jedem der drei Räume aus wird der Blick auf das zentrale Bauelement der reich verzierten Theke gelenkt. Der Besucher erlebt eine Fülle visueller Korrespondenzen zwischen den Bildern, Ornamenten, den Reliefs und deren Vervielfältigung in effektvoll eingesetzten Spiegelpaneelen.
Das Bildprogramm:
Erzählfreude und Pracht der Neo-Renaissance
Der typische Fin de Siecle-Charme des Museumscafés geht heute wie vor über hundert Jahren auf die opulenten, teils meterhohen Fliesengemälde und die farbenprächtigen Dekore zurück. Die Ornamente, unter denen sich zahlreiche, betont plastische Reliefs befinden, orientieren sich ganz in der Art des Historismus an Renaissance-Vorlagen. Die bildhaften, meist allegorischen Darstellungen jedoch kreisen alle um ein zentrales Thema: Milch. Einzelne Aspekte der Milchwirtschaft wie Milchtransport, oder „Kinder- und Krankenmilch“, „konservierte Milch“ usw. werden dem Betrachter mittels Putten und allegorischen Kinder- und Frauengestalten vorgeführt. Die Grundlage der Milcherzeugung, Kühe und Kälber, ist hier ganz und gar vorindustriell dargestellt: Landschafts-Idyllen und bukolische Szenen mit Hirten und Schäfern.
Immer wieder setzten die Schöpfer dieses Bildprogramms Symbole ein, die auf die enge Beziehung des „Produkts Milch“ zur Natur, zu Gesundheit und Stärke verweisen: Flora mit Füllhorn, pralle Obst- und Blumenranken und halbplastische Löwenköpfe. Nur ein Türfries, dessen feine Ornamentik geheimnisvolle Fabelwesen und ein Stundenglas einbindet, schlägt mit dem Spruch „Nutze die Zeit“ ein Vanitas-Motiv an.
Es ist die betont naturalistische Darstellungsweise, durch die diese Bilder den Betrachter so unmittelbar ansprechen. Gekonnt gesetzte Pinselstriche und feines Farbgefühl verleihen den Figuren Plastizität, Leichtigkeit und Anmut. Minutiös sind die unzähligen Details ausgestaltet, von der gedrehten Knabenlocke bis zum wehenden Blumenband oder dem zart geäderten Rosenblatt. Die linear eingefassten Silhouetten verraten bereits die Nähe des Jugendstils.
Das gesamte Figuren- und Ornamentprogramm wird von einer Farbstimmung in dezenten Grün/Blau-Tönen getragen. Denn unifarbige Fliesen und Profile, deren Oberflächen ebenfalls handgearbeitet sind, bilden den Rahmen der Bildpaneele und Zierelemente. Kunstfertigkeit bis ins kleinste Detail, wobei der Boden nicht ausgenommen ist.
Für ihn wurde die im 19. Jahrhundert berühmte, weltweit exportierte Serie Alt Mettlach mit leichtem Mosaikrelief gewählt, die die Künstler nach der alten, aufwändigen Herstellungsmethode fertigten. Auch die Verlegung der Bodenfliesen folgte ganz dem Stil jener Zeit. Die mit kleinen Einlegern ergänzte, zartweiße Grundfliese wird mit einer geometrischen Fliesenbordüre gerahmt. Ein anthrazitgrauer Fliesenstreifen bildet schließlich den Abschluss zur Wand hin.
Touristenmagnet für Kunstliebhaber und Gourmets
Das Museumscafé bietet seinen Gästen jedoch nicht nur ein visuelles Erlebnis. Es hält eine vorzügliche Speisekarte bereit. Denn es gibt keineswegs nur Milch, wie es das Bildprogramm vermuten ließe, sondern eine reichhaltige Palette an Kaffee- und Teespezialitäten.
Mit dem neuen Café ist ein weiterer Anreiz im Rahmen des umfangreichen Tourismus-Programms von Villeroy & Boch geschaffen. Zusammen mit dem Keramikmuseum bildet es nun den Höhepunkt des Erlebniszentrums, das den Gast mit historischen Szenerien und aktuellen Tischkultur-Dekorationen zu einem Streifzug durch fünf Epochen einlädt.
Geschichte des Dresdner Milchladens und seines Erbauers Paul Pfund
Während heute die faszinierende Innenarchitektur des Cafés die Besucher anlockt, kam es beim Original, dem Dresdner Milchladen, ganz auf den Repräsentationscharakter dieses Verkaufsraumes an. Hierauf legte der Auftraggeber Paul Pfund größten Wert, denn der Milchladen dokumentierte zugleich seinen unternehmerischen Erfolg.
Pfund, ein Landwirt aus der Region Dresden, hatte um 1880 das steigende Bedürfnis der Stadtbevölkerung nach frischer, hygienisch einwandfreier Landmilch erkannt und baute ein Verkaufsnetz auf, das schon bald weit über Dresden hinausging. Der Milchladen bzw. die Molkerei sollte ein Aushängeschild seines florierenden und expandierenden Unternehmens sein. Im Jahr 1905, als man das 25jährige Betriebsjubiläum feierte, gab es bereits 32 eigene Verkaufsläden in der Stadt. Das Unternehmen beschäftigte 477 Beamte, Angestellte und Arbeiter. 125 Pferde und ebenso viele Verkaufswagen zogen mit Pfunds Produkten durch die wachsende Großstadt.
Niederlassungen entstanden in Berlin und Hamburg, ein Handelsbüro in London. Pfund exportierte nach Afrika, Indien, China, Japan, Mittel- und Südamerika. Fachleute aus der ganzen Welt kamen Jahrzehnte lang nach Dresden, um die moderne Technik und den rationellen Betriebsablauf von Pfunds Milchwirtschaft kennenzulernen. Für seine Verdienste um Sachsens Wirtschaft und Volksgesundheit wurde Paul Pfund im Jahr 1900 zum Königlich Sächsischen Kommerzienrat ernannt.
Für Paul Pfund lag es nahe, seinen Milchladen durch den Keramikproduzenten Villeroy & Boch gestalten zu lassen, der bereits seit 1856 auch in Dresden ein Werk besaß. Die Gebrauchsqualität und vor allem die hohen hygienischen Eigenschaften der Fliese waren bekannt und machten sie zu einem bevorzugten Baumaterial, überall wo höchste Sauberkeit gefordert war.
Ausschlaggebend für den Auftrag des Milchladens aber war die gestalterische Qualität, die Vielfalt und Spezialisierung der ikonologischen Programme der Fliesen von Villeroy & Boch. So enthielten die Verkaufsunterlagen der Dresdener Faiencerie auch eine Fülle von Motiven rund um das Thema Milch. Zum Bildprogramm des Dresdener Milchladens hat jedoch auch der Auftraggeber Pfund eine Reihe interessanter Ideen beigesteuert.
Noch heute fasziniert die professionelle und kreative Umsetzung, die das Thema Milchwirtschaft komplett aufrollt. Sie lag in der Hand der Kunstabteilung der Steingutfabrik von Villeroy & Boch Dresden. Ähnlich wie in der Terrakottafabrik in Merzig und in Mettlach waren auch hier Kunstprofessoren beteiligt.
Paul Pfund hat seinem Gewerbe ein Denkmal gesetzt. Es sollte die Zeit überdauern, auch wenn es im und nach dem 2. Weltkrieg kaum gepflegt wurde und Blessuren abtrug. Wenige Jahre nach der Wiedervereinigung wurde der „ergraute und verblasste“ Milchladen von der Baufinanz Sachsen gekauft, die sich mit Villeroy & Boch in Verbindung setzte, um das innenarchitektonische Meisterwerk wieder aufleben zu lassen.
Im Jahr 1995 begann die aufwändige Restaurierung des Dresdner Milchladens, dessen Fliesen-Ausstattung zu einem großen Teil erhalten war, durch Villeroy & Boch und den Maler und Bildhauer Kutsche. Drei Bildplatten, einzelne Wand- und Bodenfliesen und Formstücke fehlten oder waren beschädigt. Nach alten Vorlagen und mittels traditioneller Herstellungstechniken schuf Kutsche diese Elemente neu, so dass das ursprüngliche Bild des Dresdener Milchladens in der Bautzner Straße in voller Schönheit erhalten blieb und den Besuchern aus allen Teilen der Welt etwas vom Lebensgefühl und der Lebensweise einer versunkenen Zeit erzählt.
Neue Eintrittsregelung für Erlebniszentrum und Museumscafé!
Individuelle Besucher erhalten mit ihrer Eintrittskarte (€ 3,50) für das Erlebniszentrum gleichzeitig einen Verzehrgutschein im Wert von € 1,00, der im Museumscafé am gleichen Tag eingelöst werden kann. 1 Gutschein pro Person für Verzehr im Museumscafé gültig.
Besuchen Sie das wohl schönste Museumscafé der Welt!
Erlebniszentrum von Villeroy & Boch
Saaruferstraße, Alte Abtei
66693 Mettlach
Tel. 06864/811020
Fax 06864/812305